Mi
15
Apr
2009
nur noch 12 Stunden Indien...
Namaste zum Letzten!
Ein klein wenig traurig verliessen wir am 2. April das St. Moritz Indiens, das so angenehm kühle Munnar. Die Abfahrt erfolgte leicht verspätet, um 14 Uhr, anstatt 12.40 Uhr (dann kam der Bus an), sodass wir uns an den „gschmuddeligen“ Strassenständen (gäll Max!) mit feinsten Samosas verpflegen konnten, mmmmhhhh...
Munnar hat übrigens ca. 30'000 Einwohner, von denen 16'000 bei Tata Tea angestellt sind – zur Teeproduktion, natürlich... Diese bearbeiten 57'000 oder 75'000 Hektar Teefelder (je nachdem, an welchem Tag man den Guide fragt... ;-)); sei es pflückend (7'328; wir haben nur Frauen gesehen), beaufsichtigend (ca. 300; nur Männer!), managend (ca. 25; nur Männer), verarbeitend, verkaufend etc. Gearbeitet wird 8 Stunden am Tag, 5.5 Tage die Woche mit 14 Tagen bezahltem Urlaub (plus Feiertage). Die Pflückerinnen verdienen bis 21 Kg gepflückten Teeblättern pro Tag 118 Rupien (ca. CHF 3), pflücken sie mehr, erhalten sie zusätzlich einen kleinen Betrag dazu; ab 50 Kg gibt es 1 Rupie zusätzlich pro Kilogramm... Dazu wohnen sie gratis (inmitten der Teefelder), die medizinische Versorgung ist kostenlos, die Elektrizität gibt es zum halben Preis und die Primarschule wird ebenfalls durch Tata finanziert (gute Schüler erhalten Stipendien und Jobs im Management, die weniger Guten starten die Karriere im Teefeld).
Unser Bus für die 6.5-stündige Reise nach Madurai war zu unserer grossen Freude mit einem MP3-Player und ziemlich grossen Boxen bestückt... Schon vor Beginn der Fahrt dröhnten uns die neusten Hindi-Hits um die Ohren, es verging uns buchstäblich Hören und Sehen. Beruhigt, dass wir offenbar auf einer Einbahnstrasse Richtung Madurai unterwegs waren (unser Bus war eigentlich schon zu breit für die Fahrbahn) fuhr uns doch ein schöner Schrecken in die Knochen, als es plötzlich regen Gegenverkehr gab. Dass auf unserer Seite der Abgrund war, gab dem Ganzen eine noch speziellere Note... Die Verspätung führte dazu, dass unser Bus die letzte Stunde im Dunkeln zu fahren hatte. Von nun an machten wir beide – ganz Vorne sitzend – einen leicht verkrampften Eindruck. Unser Fahrer – SMS-schreibend und rauchend notabene – unternahm die halsbrecherischsten Überholmanöver. Ob vor Kurven, Kuppen oder Gegenverkehr, er hupte und wechselte auf die Gegenfahrbahn... Oft riss er im letzten Moment, einhergehend mit einer Vollbremsung, das Steuer herum und vermied einen Zusammenstoss. Viele Inder sind – um Benzin zu sparen – auch in der Nacht ohne Licht unterwegs... Irgendwann waren wir da und dankten ihm gleichzeitig – wobei wir uns einig waren, dass wir eigentlich nicht ihm, sondern dem lieben Gott für unser heiles Ankommen danken sollten... Trotzdem, die Fahrt war einmal mehr auch auf Grund der wunderschönen Aussichten auf die Tee- und Kardamonplantagen sowie eines fantastischen Sonnenuntergangs aussergewöhnlich. Ganz unglücklich sind wir allerdings nicht, dass wir unsere letzte (längere) Busfahrt in Indien hinter uns haben.
In Madurai erwartete uns die frisch gestrichene Tempelanlage – bereit für das grosse (und offenbar nur alle 12 Jahre stattfindende) Festival. Seit vier Jahren sind die Malerarbeiten an den über 33'000 Skulpturen an den bis 46m hohen Türmen im Gange. Viel mehr hat Madurai nicht zu bieten – umso ärgerlicher, dass wir es schafften, unseren Zug zu verpassen, wir Deppen... Natürlich ging kein Zug mehr am selben Tag und wir mussten froh sein, am 6.4. (zwei Tage später als geplant), ein Ticket ergattern zu können (ein sogenanntes Tatkal-Ticket, das speziell teuer ist, da ca. 10% der Tickets nicht in den normalen Verkauf gelangen, sondern über diese Tatkal-Quote verkauft werden...). Da wir die Folgezüge ab Chennai schon gebucht hatten (insgesamt 4 weitere Zugfahrten) und in Chennai vor der Weiterfahrt noch unser Thailand-Visum beantragen wollten, mussten wir froh sein, ein überteuertes Ticket zu bekommen.
Die freie Zeit nutzten wir mit dem Besuch des Gandhi-Museums und der Gandhi-Bibliothek sowie ein Kurzbesuch bei einem Coiffuer (für Adrian)... Kaum platziert, begann ein älteres Männlein erstaunlich flink zu schnippeln. Nach 5 Minuten war das Werk vollbracht, der Boden voller - der Kopf beinahe ohne – Haare und Adrian mit einem netten Seitenscheitel ausgestattet (siehe Foto unter Tamil Nadu)... Einen ganzen Franken wollte der Gute als Lohn!
So früh wie noch nie machten wir uns am Abreisetag auf den Weg Richtung Bahnhof. Den Auto-Rickshaw Fahrer, der uns über den Tisch ziehen wollte, liessen wir kurzerhand stehen und begaben uns zu Fuss zum 1km entfernten Bahnhof. Völlig durchschwitzt und dem Kollaps nahe kamen wir im dem hektischen „Madurai Junction“ an. Auf dieser Fahrt machten wir einmal mehr interessante Bekanntschaften; der amüsante 17 jährige Prince aus Darjeeling, der uns unser Alter nicht abnahm (er schätzte uns jünger!) und gerade von der wichtigsten Prüfung seines Lebens kam sowie das seit 30 Jahren in Houston lebende Pärchen, das anno 1985 während zwei Wochen durch Deutschland, die Schweiz und Österreich reisten. Der pensionierte Bankenaufsichtsbehördenmitarbeiter gab sich überzeugt, dass das Ausmass der Finanzkrise wesentlich grösser sei als bisher angenommen. So sympathisch er uns war, wir hoffen sehr, dass er sich in diesem Punkt irrt...
Chennai – ca. 40 Grad, 100% Luftfeuchtigkeit, stinkt, Verkehrschaos ohne Ende, skrupellose Auto-Rickshaw-Abzocker, der bisher unfreundlichste Empfang in einem Hotel („Passport, Sign, Pay!!!“) - eine Stadt zum verlieben!
Gut, dass wir nur blieben um die Visa für Thailand zu beantragen. Guten Mutes – scheinbar gut vorbereitet – standen wir schon vor Türöffnung beim Visa-Application-Center bereit. Gepäck durften wir keines mit rein nehmen, sodass Adrian den Wachhund spielte. Dies hatte auch den Vorteil, dass Eva hemmungslos reindrängen durfte – Frauen dürfen das in Indien, um eine sogenannte Frauen-Schlange zu bilden. Leider schlug unser erster Versuch fehl. Ein Flugticket nach Thailand sei unabdingbar. Wir fackelten nicht lange und „Adrian rennt“...
… zum nächsten Internet-Café um die Buchung vorzunehmen. Alles wäre nur halb so schlimm gewesen, hätten wir nicht drei Stunden später auf dem Zug nach Bangalore sein müssen. Unser nächste Versuch schien ebenfalls zu scheitern. Die eingereichten Passbilder waren nicht identisch. Nach zähen Verhandlungen, gutem Zureden und ein paar Krokodilstränen zeigte der Beamte Herz und nahm den Antrag zumindest einmal an. Ob wir aber das Visum bekommen, steht für uns im Moment in den Sternen geschrieben.
Leicht angespannt erreichten wir frühzeitig Chennai's riesigen Bahnhof „Central“. Zum ersten Mal lagen unsere Plätze nicht direkt nebeneinander, sodass wir einen Fahrgast baten, seinen Platz mit dem von Eva zu tauschen. Dies war die Initialzündung für ein grosses Stühle-Rucken in das auch der Nächste Wagen noch mit einbezogen wurde. Am Ende sass wohl kaum mehr einer auf seinem reservierten Platz – ausser Adrian. Der Schaffner trugs mit Fassung und wackelte mit seinen Kopf (was in Indien als Zustimmung gewertet werden kann). Neben uns installierte sich eine Mutter mit ihrem 9-Monate alten Kleinkind. Sehr schnell ging uns auf, weshalb es neben vielen unterernährten auch sehr viele über gewichtige Kinder gibt – sobald die Kleine einen Mux machte fuhr Mami einen riesenkübel Babybrei auf oder was sonst gerade zur Hand war (Glacé, Banane, andere Süssigkeiten). Die zugestiegene Schulklasse auf Abschlussreise scheute sich nicht das Kind mal eben durchzureichen und mit jedem einzelnen Schüler abzulichten. Das übliche „itschi, itschi, tatschi, tatschi, gugus-dada“ blieb - ganz zu unserer Freude - natürlich nicht aus. Was für ein Gegensatz zu dem Kind, dass wir ca. 15 Stunden vorher in Chennai kaum zugedeckt schlafend auf dem Fahrradanhänger antrafen.
Spätabends erreichten wir Bangalore, von wo aus wir in den Nachtzug nach Hospet umsteigen mussten. Bangalore, neben Hyberabad (Cyberabad), DAS Softwarezentrum Indiens enttäuschte uns nicht nur mit einem sehr heruntergekommenen Bahnhof sondern auch mit einem Langzeit-Stromausfall, der den halben Bahnhof ins Dunkel legte. Von Hospet aus gelangten wir (nach über 24 Stunden Reisezeit) nach Hampi, wo uns riesige Tempelanlagen, Zuckerrohr- und Maisfelder, Bananenplantagen und idyllische, mondähnliche Steinlandschaften erwarteten. Hier konnten wir Kraft und Ruhe tanken, bevor wir nochmals den Weg nach Chennai unter die Räder nahmen, um unser Visum abzuholen und am selben Abend (16.4.2009) nach Bangkok weiter zu fliegen. Unsere Bleibe für die ersten drei Nächte in Bangkok ist jedenfalls bereits gebucht (in Chinatown).
Unser Verstand kann bis heute nicht begreifen, dass dieses Indien, das: über eines der Grössten Eisenbahnnetze der Welt verfügt; der Zweitgrösste Softwareproduzent der Welt ist; eine riesige Internet-Café-Dichte aufweist; eine Filmindustrie grösser als jene Hollywood's hat; bald das billigste Auto der Welt produzieren wird; wunderschöne, unberührte Berg- und Küstenlandschaften hat; Menschen während Stunden in Meditation verharren sieht; reich ist an Kulturschätzen; über eine unglaubliche Dynamik verfügt und rekordhohe Wachstumsraten aufweist; so gastfreundlich und warmherzig sein kann; ein Atomwaffenprogramm hat - dasselbe Indien ist, wie jenes, das: einen Grossteil seiner Einwohner nicht ausreichend ernähren kann; die Kinder zum Betteln anstatt in die Schule schickt; keinen Tag ohne Stromausfall und sauberes Wasser nur als Luxus kennt; unzählige Grossstädte hat, in denen man bei Nacht vor lauter Smog die Sterne nicht sehen kann; im Abfall ersäuft; seinen heiligsten Fluss so verschmutzt, dass die Fische, die darin überleben nicht mehr geniessbar sind und dennoch gegessen werden müssen; von Korruption durchsetzt ist; die Menschen und Tiere (Hunde, Kühe, Schweine und Affen) an unmöglichsten Orten schlafen lässt (auf dem Gehsteig, in Hauseingängen, auf Verkehrsinseln, unter Brücken, auf Treppen, auf Fahrradanhängern, auf dem Perron – einfach überall wo Mensch und Tier ein Stückchen Platz findet); Kinder mit drei Jahren verheiratet; Menschen sinnlose Arbeiten in grösster Ineffizienz verrichten lässt (Frauen, die mit einem Minibesen eine 2-Fussballfelder-Grosse Bahnhofswartehalle kehren müssen, wo die Wartenden den eben gewischten Boden sogleich wieder mit ihrem Abfall verschmutzen); Städte hat, in denen man für 2km Weg eine Stunde brauchen kann; an Unhöflichkeit, Ungeduld und Aufdringlichkeit kaum zu überbieten ist; Frauen körperliche Schwerstarbeit verrichten lässt während die Männer Opium rauchen oder einen gut bezahlten Supervisor-Job innehaben...
Wir verlassen Indien mit Gefühlen und Eindrücken, die so gegensätzlich wie das Land selbst sind. Indien hat uns fasziniert, geschockt, abgestossen, gefallen, erfreut, verärgert, geekelt, nachdenklich und traurig gestimmt, zum Lachen gebracht, aufgewühlt, beruhigt, beeindruckt; aber eines ganz bestimmt nicht – kalt gelassen. Indien kann man nicht beschreiben, Indien muss man erleben!
Liebe Grüße und bis bald aus Thailand,
Adrian & Eva
Annemarie und Max: die „Chuegeli“ und die Ringelblumensalbe sind in regem Gebrauch, wir sind immer wieder dankbar, dass wir beides dabeihaben!
