Mo

14

Dez

2009

Abwechslungsreicher Südwesten...

Von Perth führte uns ein ungewöhnlich kurzer Weg nach Fremantle, wo wir an der windigen Beach eine Campsite bezogen. Hauptgrund für den Stopp war ein Besuch des Fremantle Prison, wo wir uns der Great Escape und der Fremantle Prison Tour anschlossen. Wir waren uns nicht ganz sicher, ob die Guides nun Ex-Knackis oder Ex-Wärter waren... Der Eine erinnerte uns auffällig an Kevin Bacon aus „Sleepers“. Die Touren waren äusserst interessant und unterhaltsam, so standen wir in jenem Hof, wo auch Bon Scott seine Knast-Freizeit verbrachte – das Klauen einer Gallone Benzin hatte in als Teenie in den Bau gebracht! Ursprünglich wurde das Gefängnis für Convicts aus England gebaut. Diese wurden z.B. für den Diebstahl eines Laibes Brot zu mehreren Jahren Zwangsarbeit in Westaustralien verurteilt. Nach Verbüssung der Strafe sollten sie sich in der Region niederlassen, auf diese Weise wollte man die damals sehr spärlich besiedelte Gegend bevölkern. Mehr als eine Hängematte hatte in den Zellen nicht Platz. Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein „normales“ Gefängnis aus dem Fremantle Prison – und bis auf wenige Modernisierungen blieb alles bis Anfang der 1990er Jahre unverändert in Betrieb. Bis zum Schluss gab es keine funktionierenden (Ab-)wasserleitungen in den Zellen, die Insassen mussten mit einem Eimer vorlieb nehmen, der jeden Morgen zu entleeren war! Verschiedene spektakuläre Fluchtversuche führten bis auf wenige Ausnahmen nicht zum gewünschten Erfolg. Eine der Ausnahmen war Brendan Abott, der unter dem Namen Postcard Bandit zur Legende wurde. Er fertigte mit zwei Mithäftlingen Wärteruniformen an, in denen sie entkamen. Einer der Flüchtlinge brach sich allerdings beim Sprung über die Mauer den Fuss, er kam nicht weit... Abott war mehrere Jahre auf der Flucht und erbeutete bei Banküberfällen geschätzte 5 Mio. Aussiedollars. Dabei liess er der Polizei Fotos zukommen, die ihn unter anderem vor einer Polizeistation zeigten. Gemäss unserem Guide war er einer der Ersten, der eine Tour im inzwischen zur Touristenattraktion umgewandelten Gefängnis machte – und sich sogar im Gästebuch eintrug (Adresse: „wo ihr mich nicht finden werdet...“). Dies als meistgesuchter Verbrecher Australiens, notabene... Er wurde schlussendlich wieder gefasst und verbüsst inzwischen in einem Hochsicherheitsgefängnis die Erste von mehreren langjährigen Strafen. Eine amüsante Episode war die Flucht einer Insassin, die die ganzen Mühen auf sich nahm – um schliesslich im nächstgelegenen Pub ein Bier trinken zu gehen... Nach dem lang ersehnten Genuss liess sie sich widerstandslos festnehmen. Erwähnenswert, wenn auch in Anbetracht der sanitären Installationen und der damaligen Temperaturen von 52 Grad wenig erstaunlich, ist der Gefängnisaufstand von 1988, wo mehrere Wärter als Geiseln genommen und das halbe Dach abgebrannt wurden. Wie durch ein Wunder kam der Aufstand zu einem unblutigen Ende. Das Drama wurde rund um die Uhr live übertragen, Helis filmten alles und zur Verpflegung von Insassen und Geiseln wurde ein Taxi mit 1000 Burgern von Hungry Jack's bestellt... Eher nachdenklich stimmte uns die Tatsache, dass noch 1964 ein Insasse gehängt wurde und dass dies theoretisch bis in 70er Jahre möglich war. Die Atmosphäre im Hinrichtungsraum und den Todeszellen war sehr bedrückend.

 

Nach einem weiteren kurzen Teilstück gelangten wir nach Bunbury, wo wir uns aufs Tauchen und einen Mangroven-Walk freuten. Frohen Mutes nahmen wir den Walk in Angriff und wären nach 20 Minuten fertig gewesen, hätten wir uns nicht eine geschlagene halbe Stunde mit ein paar Kaulquappen beschäftigt. Der Walk war – einmal mehr – interessant beschildert und gut gemacht, aber sehr kurz... Blieb uns die Taucherei; wir besorgten uns die gesamte Ausrüstung, liessen uns die besten Spots beschreiben und watschelten ins Meer. Eva hielt den Kopf kurz unter Wasser und war – schwups - wieder am Ufer. Die Sichtweite betrug geschätzte 35 cm, wir konnten die Hand nicht vor Augen erkennen. Zudem liess die Ausrüstung zu Wünschen übrig, so dass wir die Übung abbrachen. Am Ufer warteten bereits die Fischinspektoren auf uns, sie wollten sicherstellen, dass wir keine Hummer gefangen hatten, denn die Saison wurde erst eine Woche später eröffnet. Wir erfuhren, dass es die denkbar schlechteste Zeit des Jahres sei, um Off-Shore zu tauchen – na grossartig... Als Frustbewältigung gönnten wir uns einen Vogelpark- und Kinobesuch – This is it! Jackos Tourvorbereitung wusste uns auf andere Gedanken zu bringen, gemeinsam mit einer OZ-Portion Popcorn...

 

Eine halbe Stunde Fahrzeit entfernt statten wir Busselton einen Besuch ab – und blieben zwei Wochen hängen. Dies obwohl das Wetter sehr wechselhaft war, teilweise stürmte es beängstigend. Wir nutzten die Zeit, um die HMAS Swan zu betauchen, ein ehemaliges Schiff der australischen Marine, dass eigens für die Taucherei aufbereitet und versenkt wurde. Wir verbanden die vier Tauchgänge mit einem Wreck-Diver und einem Nitrox-Kurs. Irgendwie war aber der Wurm drin, in Folge des schlechten Wetters wurde die Tauchgänge ständig verschoben und als wir dann endlich loslegen konnten, hielt sich Adrian meist über die Reling gebeugt im hinteren Bereich des Bootes auf... Auf den angebotenen Lunch verzichtete er dankend... Einen ersten Tauchgang machte er noch mit – zum Glück kann man in den Regulator Bäuerchen machen, den zweiten Durchgang musste er dann allerdings auslassen... Eine Woche später machten wir uns erneut auf die Fahrt zum Wrack und tauchten plangemäss ab. Kaum 20m unter dem Meer, begann Eva panisch zu gestikulieren und signalisierte, dass sie umgehend an die Oberfläche wolle. Mit weit aufgerissenen Augen wollte sie sofort aufsteigen, was Adrian knapp zu verhindern wusste. Gemeinsam stiegen wir kontrolliert auf und gingen an Bord. Was war passiert? Entgegen unserer Gewohnheit, vor dem Tauchen in die Brille zu spucken, hatte Eva hierzu Babyshampoo benutzt. Dieses gelangte während des Tauchens in den Regulator, so dass ihr übel wurde und sie den Regulator am liebsten loswerden wollte. Sie begann hektisch zu atmen und geriet in Panik. Pete, unser Skipper und Tauchlehrer hörte sich die Geschehnisse bei einer Tasse Tee an, beruhigte uns und liess uns, von seinem Sohn begleitet, noch einmal einen Versuch starten. Diesmal ging alles glatt - jajaja jetzt wird wieder in die Brille gespuckt... Den abschliessenden Tauchgang konnten wir dann richtig geniessen, wir durchquerten das Wrack mehrfach und genossen die Aussicht von der Brücke – ein einmaliges Erlebnis. Vom Boot aus konnten wir als krönenden Abschluss mehrere Wale aus wenigen Metern Entfernung beobachten.

 

Ansonsten erkundeten wir die Ngilgi-Caves, faszinierende Tropfsteinhölen; den Cape Naturaliste National Park, wo wir kurze Wanderungen unternahmen; die Margaret River Weinregion; einen Reptilienpark, wo wir endlich all die giftigen Schlangen aus der Nähe bestaunen konnten und das nette Örtchen Dunsborough. In Busselton selbst erkundeten wir die Jetty, mit beinahe zwei Kilometern beeindruckend lang, machten ausgedehnte Spaziergänge am Meer versuchten während einer Stunde verzweifelt einen Blitz zu fotografieren. Ein Höhepunkt war der Besuch des Autokinos, wo es immer gleich eine Doppelvorstellung gibt. Endlich konnten wir „Up“ sehen, seit Singapur hatten wir uns dies vorgenommen. Warum genau – das wissen wir nach dem zweifelhaften Genuss des Filmes nicht mehr so genau... Ein Erlebnis wars allemal, den Ton empfingen wir übrigens auf 94.5 Megahertz, via Autoradio! Und da der zweite Film zu gefallen wusste, kehrten wir gegen Mitternacht müde, aber zufrieden auf unseren Campground zurück. Am meisten genossen wir wohl, dass es für zwei Wochen so eine Art Alltag für uns gab. Wir hatten den Reisekoller überwunden und waren wieder voller Entdeckergeist.

 

Augusta hiess die nächste Haltestelle, die ausser einem Lighthouse, dessen Umzäunung uns an Militärgebiet erinnerte, nicht viel zu bieten hatte. Wir zogen unvermittelt nach Bridgetown weiter. Schon auf der Fahrt begeisterten uns die gigantischen Karri-, Marri- und Tingle-Bäume, die für diese Region so typisch sind. Diese genossen wir dann ausgiebig beim abenteuerlichen Tree-Top-Walk bei Walpole. Dabei klettert man bis auf eine Höhe von 40m auf einer speziellen Konstruktion. Diese schwingt ziemlich heftig, so dass man das Gefühl hat, man sei wirklich in den Baumwipfeln. Auf dem Weg nach Denmark absolvierten wir verschiedene Walks inmitten dieser beeindruckenden Bäume.

 

In Denmark bestaunten wir eines der grössten Barometer der Welt im Tourist Information Centre und nahmen anschliessend den Historic Walk in Angriff. Dieser führte uns unter anderem am Museum vorbei. Dieses ist in der alten Polizeistation untergebracht und wird ehrenamtlich von Pensionierten des Ortes geführt. Auf wenigen Quadratmetern wurde uns die spannende Geschichte des Ortes näher gebracht, so kamen die ersten Siedler wegen des Holzes in diese Gegend, treiben aber dermassen Raubbau an der Natur, so dass der Ort um 1900 beinahe zur Geisterstadt verkam. Einer der wenigen Verbliebenen erwirkte, dass das Land von der Regierung übernommen wurde und anschliessend an Siedler aus England vergeben wurde. Diesen versprach man das blaue vom Himmel, sie landeten unsanft auf dem schwierig zu bewirtschaftenden Boden der Tatsachen. Heute lebt die aufblühende Stadt vor allem vom Tourismus, wovon das eindrückliche Tourist Information Centre Zeuge ist. Daneben treiben wohlhabende Pensionierte die Wirtschaft an, so auch jene beiden, die uns das Museum näher brachten. Der Eine kam 1966 aus England - „After we won the World Cup in 1966, I told my wife, this won't happen again, so let's leave...“

Der Andere schien schon länger in Australien zu sein, beschimpfte er doch den Engländer aufs Übelste, als dieser Australien Football als „it's so rude, violent and brutal...“ beschrieb. Die Ausdrücke, die er gebrauchte, waren nicht druckreif... wir amüsierten uns köstlich.

 

Die ehemalige Walfangmetropole Albany steuerten wir als Nächstes an. Whale World hiess das spektakuläre Musem, das in der bis '79 in Betrieb gewesenen Whale Station untergebracht ist. Wir schlossen uns einer Führung an und bestaunten die riesigen Ölsilos und vor allem das Flensing Deck, wo die Wale zerlegt wurden. Zuerst bestiegen die Flenser mit Spikes an den Schuhen und einem riesigen sichelähnlichen Messer bewaffnet die riesigen Tiere (Sperm Whales), schnitten sie auf und zogen ihnen, mit Hilfe von dampfbetriebenen Zugmaschinen die Haut ab. Danach gings mit dem Kran eine Etage höher, wo der Kopf mit einer Monstersäge abgetrennt wurde. Alles wurde hier zerstückelt und in die verschiedenen Löcher verfrachtet. So gelangte das Fleisch in die riesigen Druckkochtöpfe. Nicht für schwache Nerven waren Film- und Fotomaterial von diesem Prozess. Verwertet wurde alles, nachdem das Öl abgepumpt wurde, trocknete man das übrig gebliebene Material und verarbeitete es zu Tiermehl – en guete... Nachdem die Fabrik relativ abrupt geschlossen wurde, brauchte der Ort 10 Jahre, um sich von diesem Schock zu erholen. Heute blüht auch Albany dank des Tourismus auf. Imposant die Wind Farm, die schon bald 80% des Energiebedarfs des Ortes deckt. Bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass Australien die meiste Energie durch das Verbrennen von Kohle gewinnt – nicht gerade die umweltfreundlichste Variante... Wir hatten in Denmark gefallen an der Geschichte dieser Orte gefunden, so dass wir auch hier den Historical Walk unternahmen und das Museum und das alte Gefängnis unter die Lupe nahmen.

 

Nach längerer Zeit suchten wir mit dem Stirling Range wieder einen Nationalpark heim. Wir befanden die Wanderung auf den Bluff Knoll, die höchste Erhebung mit 1073m in Western Australia, als die genau passende Herausforderung. Zu unserem grossen Erstaunen waren die Zeitangaben nicht völlig unrealistisch und die Wanderung sehr anstrengend. Für die 6km brauchten wir tatsächlich ca. 3 Stunden, wurden aber mit einem eindrücklichen Panorama belohnt. Unterwegs wussten uns wilde Orchideen, Banksia, Blumenfelder, Marienkäfer sowie Skinke und Warane zu faszinieren.

 

Am nächsten Tag machten wir einen kleinen Umweg – 400km – zum Wave Rock, einem Millionen Jahre alten Gesteinsbrocken, der von Niederschlagswasser nach und nach zu einer 14m hohen Steinwelle, die sogleich zu brechen scheint, ausgewaschen wurde. In beinahe Australischer Manier fuhren wir hin, knipsten unsere Bilder und machten uns wieder vom Acker... Um das Gewissen zu beruhigen, machten wir einen kurzen Walk, der war allerdings sehr kurz... Wenn auch die Hitze erbarmungslos war...

 

Wir wollten für unser Auto eine Westaustralische Nummer bekommen, ein Unterfangen, das uns einen ungewollt langen Aufenthalt in Esperance bescherte. Die Westaustralische Registrierung bedeutet einen einfacheren Verkauf des Autos, da das Auto niemals mehr zur Inspektion muss und die Zulassung via Post verlängert werden kann. Allerdings muss man eine Inspektion über sich ergehen lassen, wenn man das Auto erstmals in Western Australia anmeldet – was wir mit der New South Wales Nummer auch taten... Die Inspektion wird interessanterweise von einer privaten Garage gemacht, die dann auch gleich die notwendigen Reparaturen vornehmen kann, wir waren sprachlos... Jedenfalls war der Zustand unseres Autos perfekt- oder beinahe perfekt, denn in Western Australia muss ein Auto per Gesetz mit einer elektronischen Wegfahrsperre ausgerüstet sein. So mussten wir für über 200 Dollars eine Wegfahrsperre einbauen lassen – in einem 16-jährigen Auto mit über 300'000km. Wir versuchten verzweifelt nicht zu viel über Sinn oder Unsinn dieser Vorschrift nachzudenken – es gelang nur mässig... Schliesslich kam das Auto durch, für eine weitere Re-Insepection-Gebühr, natürlich. Nach fünftägigem Kampf mit Mechanikern, Inspektoren und Behörden durfte Eva die neuen Nummernschilder in Empfang nehmen! Der längere Aufenthalt wirkte sich insofern positiv aus, als wir auf dem Camping-Platz interessante Leute kennen lernten. So ein Neuseeländer, der seit Februar mit dem Rad und einem kleinen Anhänger 14'000km quer durch Australien zurückgelegt hat. Daneben auch ein deutsches Pärchen, das zum sechsten Mal mit dem Rad durch Australien kurvt. Erwähnung verdient auch Sammy, der Seelöwe, der sich immer mal wieder an der Jetty einfindet, sobald ein Fischer seine Beute zerlegt. Dann fällt auch für ihn etwas ab, was er mit zufriedenem Kopfnicken quittiert. Das örtliche Museum glich dann eher einem Ramschladen, eindrücklich waren Bruchstücke von Skylab, einer Raumstation der Amis, die über Esperance hinweg abstürzte. Hierfür wurden die Amis übrigens offiziell mit einer Busse von 400 OZ-$ belegt. Einer Sammlung einer Radiostation ist zu verdanken, dass sie unlängst – nach vielen Jahren – beglichen wurde.

 

Nun lag nur noch die Nullarbor-Ebene vor uns und Südaustralien. In zwei Tagen überwanden wir über 1'400km, darunter auch die mit 146.6km längste gerade Strecke Australiens. Einmal mehr wussten uns die unendlichen Weiten des Outbacks, die sich stetig verändernden Landschaften und die Sternenhimmel in einem Bushcamp im Nirgendwo zu begeistern. Auf unserem Weg überholten wir die deutschen Radler, sie hatten 14 Tage für die Strecke veranschlagt... Wir versorgten sie mit Toastbrot und Schokolade und sahen sie dann im Rückspiegel schnell kleiner und kleiner werden.

 

So verliessen wir den mit einem Drittel der Fläche Australiens grössten Staat, wo nur knapp mehr als 10% der Bevölkerung und davon drei Viertel in und um Perth lebt.

 

Bis bald – dann wohl im 2010!

 

Eva & Adrian

 

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